Osterpredigt am 12.4.2020 in Zwerenberg (Immanuel Raiser)

Johannesevangelium 20,11-18
Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie nun weinte, schaute sie in das Grab
und sieht zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, einen zu Häupten und den andern zu den Füßen, wo sie den Leichnam Jesu hingelegt hatten.
Und die sprachen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie spricht zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben.
Und als sie das sagte, wandte sie sich um und sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass es Jesus ist.
Spricht Jesus zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du? Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir, wo du ihn hingelegt hast; dann will ich ihn holen.
Spricht Jesus zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf Hebräisch: Rabbuni!, das heißt: Meister!
Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater. Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.
Maria von Magdala geht und verkündigt den Jüngern: „Ich habe den Herrn gesehen, und das hat er zu mir gesagt.“

Liebe Gemeinde,
„Maria aber stand am Grab und weinte…“   Das könnte doch auch jemand von uns gewesen sein.
Sie kennen diese Erfahrung, am Grab eines lieben Menschen stehen zu müssen und zu weinen.
Kein Schmerz ist so tief, wie wenn der Tod unsere liebsten Angehörigen weg reisst. Maria aber stand da und weinte…
Es ist bitter, an offenen Gräbern stehen zu müssen.
Vielleicht weinen auch Sie in diesen Tagen Tränen aus Verzweiflung und Schmerz. Grund genug dazu gibt es….
Völlig verzweifelt war Maria, gebrochen und verstört.
„Sie haben meinen Herrn weggenommen!“ klagt sie.
Sollte das das Ende sein ihres Herrn, dem sie nachgefolgt war?! Dessen machtvolle Wunder sie gesehen hatte? War er nun doch gescheitert mit seinem Programm?
Nichts konnte sie trösten.
Sicher, der Park mit dem Grab des Josef von Arimathia war besonders gepflegt und hübsch. Dort blühten schöne Büsche, bunte Blumen in Beeten. Wer heute nach Jerusalem kommt und das Grab anschaut, in dem Jesus aller Wahrscheinlichkeit nach gelegen hat, der findet einen wunderbar gepflegten Garten vor. Und so war es damals auch.
Doch davon wird kein Wort hier berichtet. Denn Maria sah das nicht. Sie konnte an nichts anderes denken, als an den Schmerz der sie getroffen hatte.
Wie lieb gemeint sind Blumen an den Gräbern, aber wirklich trösten können sie nicht. Die Natur kann wunderbar sein in ihrer Frühlingspracht, und es gibt viele Menschen die behaupten, Gott in der Natur zu finden.
Aber in der Trauer, da wird das alles unhaltbar und hinfällig. Denn trösten kann einen der Wald nicht, das Grauen des Todes kann die Natur nicht wegnehmen.
Vogelgezwitscher, wie an jenem Ostermorgen, das ist wunderbar, aber die Schrecken des Todes und die Trauer werden dadurch nicht verdrängt. Im Gegenteil. Wer depressiv ist und morgens schon das Gezwitscher der Vögel hört, wird oft dadurch noch stärker ins dunkle Loch gezogen.
Maria sieht und hört das alles nicht. Es dringt nicht zu ihr vor. Sie sieht nur noch dunkel und schwarz, an nichts kann sie sich mehr freuen, alles scheint sinnlos in ihrem Leben geworden zu sein.“ Sie haben meinen Herrn weggenommen und ich weiß nicht wohin!“ klagt Maria. „Er kommt nie mehr wieder…“
In solchen Situationen standen Sie auch schon und dachten „Jetzt ist alles aus…“
Maria war ja besonders herzlich mit Jesus verbunden gewesen. Er hatte sie damals von dunklen Machten, vom Okkultismus befreit. Sie war ein anderer Mensch geworden durch Jesus. So wie auch heut noch Mensch aus solchen Bindungen, die mit dem Teufel zu tun haben, befreit werden können.
Sie glaubte von ganzem Herzen an ihn. Das ist ja eigentlich das Geheimnis des Christseins und des Glaubens, dass eine ganz enge Verbindung im Leben zu diesem Herrn wächst.
Wir sind nicht Christen, weil wir einen besonders guten Lebensstil hätten oder weil wir eine besonders geprägte religiöse Gemeinschaft suchen. Auch nicht deshalb, weil wir uns um soziale und mitmenschliche Nöte kümmern, um Asylanten oder für Menschen in Quarantäne einkaufen.
Darum kann man uns nicht Christen nenne, denn das tun andere auch, manchmal sogar noch besser.
Wir sind nur dann Christen, wenn wir so wie Maria, Jesus lieben. Das macht uns zu Christen.
Dass wir mit Ihm in Verbindung stehen, jeden Tag, mit ihm persönlich reden.
Wenn Sie mit einem Menschen so eine intensive Verbindung haben, wenn man lange Zeit mit einem Menschen zusammen war, dann ist es besonders schmerzlich wenn der Tod auseinander reisst. Alles durch den Tod abgebrochen ist.
Vielleicht geht es Ihnen heute auch so, dass Sie sagen „Sie haben meinen Herrn weggenommen.“
Ja früher, da hatte ich einmal Verbindung zu diesem Herrn, da ging ich in den Jugendkreis, in den EC, in den Kindergottesdienst. Früher habe ich gebetet. Dann aber haben sie meinen Herrn weggenommen. Die Arbeit, der Beruf, die vielen Aufgaben in der Familie, der Verein… Es gab immer so viel anderes zu tun, da blieb keine Zeit und Kraft um die Beziehung zu Jesus zu pflegen.
Es gibt viele Dinge, die uns vielleicht den Herrn weggenommen haben.
Etwas ist dazwischen getreten, oder es brachen Zweifel auf.
Kritik machte sich breit.
Vielleicht waren auch andere Christen daran beteiligt und brachten den Glauben ins Wanken durch ihr Verhalten….
Auch Bücher, wissenschaftliche Beiträge, Zeitschriftenartikel zB vom Spiegel oder ganz schlaue Beiträge im Internet können bewirkt haben dass Sie im Glauben immer mehr verunsichert wurden.
Sollte Gott wirklich gesagt haben… ?!
Das kann doch gar nicht so gewesen sein wie es in der Bibel steht, das ist alles hinterher ausgedacht worden… das ist alles symbolisch gemeint und muss von Theologen interpretiert werden…
Viele Menschen sind verzweifelt, seit sie Jesus nicht mehr als Herrn erkennen können.
„Sie haben meinen Herrn weggenommen!“ Sie haben Jesus weggetragen wie eine Leiche.
Nur die Erinnerung bleibt, wenn auch mit ein wenig wehmütig.
Aber – solche Leute, die wie Maria um die verlorene Beziehung zu Jesus trauern und nicht mehr weiter wissen… lässt Jesus nicht im Ungewissen stecken.
Maria hat Jesus zuerst nicht erkannt, als er plötzlich zu ihr trat.
Für den Gärtner hat sie ihn gehalten. So absolut ausserhalb jeglicher denkbaren Möglichkeit erschien es ihr, ihm hier lebendig zu begegnen.
Weder seine Gestalt, noch sein Gesicht, nicht einmal seine Stimme, nichts von seiner äusseren Erscheinung bringt sie auf die richtige Spur.
Sie erkennt ihn erst, als er etwas ganz Charakteristisches tut. Er ruft sie mit ihrem Namen.
„Maria !“
Da erkennt sie ihn.
So hatte er sie damals angesprochen, als er sie aus ihrer dunklen Nacht herausholte.
Jetzt an seinem Rufen merkte sie erstaunt „Es ist ja Jesus, der mächtige Herr !!!“
Nicht am Äusseren hat sie ihn erkannt. Offenbar hat nie das äussere Anschauen den Glauben wirklich gestützt oder gestärkt.
Deshalb sagt Jesus auch so direkt „Rühr mich nicht an“
Darum brauchen wir auch kein Turiner Grabtuch und keine Splitter vom Kreuz als Beweismittel.
Das leere Grab ist übrigens auch kein Beweis , dass Jesus auferstanden ist. Wer nicht daran glaubt, deutet das als Leichendiebstahl. Diese Theorie wurde direkt damals von den Hohenpriestern in die Welt gesetzt und heute noch meinen Leute ganz besonders gescheit zu sein, wenn sie so die Vorgänge an Ostern meinen erklären zu müssen.
Ja, aber das leere Grab ist ein Hinweis, dass Jesus auferstanden ist. Genauso wie dass er dann vielen erschienen ist und jeder von uns heute im Jahr 2020 ihn ganz konkret in seinem Alltag erleben kann, das macht uns gewiss: Dieser Herr, er lebt wirklich ! An seinem Reden zu uns erkennen wir – Es ist Jesus!
Wir haben dieses Jahr ein ganz außergewöhnliches Osterfest. Manche meinten dass Ostern dieses Jahr ausfällt.
Was macht Ostern aus?
Der Osterhase der kommt? Das Familienfest bei dem sich alle treffen? Die Wanderung oder der Spaziergang wie in dem Gedicht „Frühling lässt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte…“? Der Skiurlaub mit den Freuden?
Das meiste davon wird dieses Jahr ausfallen oder in ganz bescheidenem Rahmen stattfinden.
Aber das Entscheidende ist doch -
Ostern wird es dadurch, dass der auferstandene Herr Sie beim Namen ruft und Sie kennt.
Dass er sich selbst zu erkennen gibt durch sein Wort und durch das, wie er handelt.
Ostern fällt nicht aus! Gegen das einzig wirklich Wichtige, besser gesagt den einzig wirklich Wichtigen an Ostern hat selbst Corona keine Chance!
Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!“
So macht sich der Auferstandene für Sie erkennbar. Hier und heute, dass er Sie bei Ihrem Namen ruft.
Maria, Hans, Wolfgang, Lisa, Sabine, Leon, Immanuel…………………….. (hier können Sie ihren Namen eintragen) Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du gehörst mir.
Ich muss heute in deinem Haus einkehren.
So redet der Auferstandene auch in Ihr Leben hinein und gibt sich Ihnen zu erkennen.
Bei Jesus sind wir keine Nummern, keine Statistik, kein Rädchen, kein Fall… er kennt nur Geschöpfe, Kinder, unauswechselbare Persönlichkeiten, die er mitten in ihre Angst und Trauer hinein persönlich beim Namen ruft.
In der Bibel kommen ja immer wieder ganze Namensregister vor. Die stehen übrigens nicht deshalb in der Bibel um uns zu langweilen, sondern weil Gott jeder Einzelne wichtig ist. Mit jedem Namen verbindet Gott seine ganz persönliche Geschichte.
„Meine Schafe hören meine Stimme und ich kenne sie.“
Ja, Jesus kennt Sie und Ihre Nöte und was Sie quält. So spricht er uns in unseren dunkelsten Stunden an.
Das soll Ihnen ein großer Trost werden, wie Jesus Verzweifelten nachgeht und sie seiner Auferstehung gewiss macht, so wie er der Maria nachgegangen ist.
Seither ist die Stimme von Jesus nicht verstummt. Keiner steht allein auf weiter Flur auf der Trostlosigkeit des Friedhofes. Selbst wenn wir bei Beerdigungen uns nicht einmal mehr in den Arm nehmen und auch nur noch höchstens 10 Personen am Grab Abschied nehmen dürfen.
Keiner steht da allein, so wenig wie Maria. Niemand muss mit seiner Hoffnungslosigkeit allein leben.
Wieder und wieder tritt der Herr mit seinem Wort aus der Unsichtbarkeit heraus.
Wenn bei Ihnen Fragen kommen, wie denn alles weitergehen soll ? Im Privaten, mit der Gesundheit, mit der Beschränkung unserer Beziehungen, mit der Wirtschaft, dem Arbeitsplatz, der globalen Situation ?!
Wenn Ängste Sie zu überwältigen drohen wie das alles verkraftet werden kann, wenn Zweifel kommen ob Gott die ganze Sache vielleicht doch entglitten ist….
Können wir um dieses Wortes willen  wissen „Ich bin dein, sprich du darauf ein Amen !“
Wir leben – auch inmitten von Leid, Problemen und Viren auf der Gemarkung des Himmels.
In letzter Zeit werden ja überall Häuser gebaut. Da wundert man sich, wie schnell so ein Häusle aufgestellt wird. Da ist gerade noch eine Wiese, dann werden Pflöcke abgesteckt und dann folgen die Arbeiten für das Fundament. Dafür wird erst mal nach unten gegraben. Und von da unten angefangen zu bauen. Also erst sind einige Vorarbeiten zu machen, bevor die Mauern wirklich nach oben wachsen. Zuerst geht es nach unten.
Das ist nicht nur bei Häusern so.  Vielleicht haben Sie den Eindruck, es geht im Moment alles nach unten…. In die Tiefe… Aber wenn Sie in dieser Tiefe, im Loch, dem Auferstandenen begegnen, wird da das Fundament gelegt, Sie bekommen Halt und festen Grund und Gott wird von da nach oben bauen.
Maria merkt am Tiefpunkt  „Es ist der Herr !!!“
Das wünsche ich Ihnen uns so  sehr, dass Sie und ich an unserem Tiefpunkt, in dieser Krise, merken „Es ist der Herr, der hier bei mir ist. Ganz konkret!“
„Rabbuni, mein Meister!“ ruft Maria aus. Sie sieht ihn und erkennt ihn. „Ich habe den Herrn gesehen!“ erzählt sie nachher den anderen.
Er will in Ihr Leben treten, so wie er damals wieder neu in das Leben der Maria getreten ist.
Phillip Nicolai, der Liederdichter und Pfarrer aus Unna lebte im sechzehnten Jahrhundert. Er ging zu Pestkranken und Sterbenden, obwohl er nie wusste, wann er sich selbst anstecken würde.
Heute auf einmal eine ganz aktuelle Situation… er ging trotzdem hin und tröstete sie, weil er selbst von diesem Auferstandenen wusste, der den Tod überwunden hat.
In einer der schlimmsten Pestnächte, wo er einen nach dem anderen beerdigt hatte, da hat er das Lied gedichtet, voll Hoffnung und voll Vertrauen „Gloria sei dir gesungen, mit Menschen- und mit Engelszungen“  Das kann uns in unserer Situation auch ermutigen, uns ganz bewusst in einer Situation des Todes und des Leidens für das Lob Gottes trotz allem (!) zu entscheiden.


Gloria sei dir gesungen
mit Menschen- und mit Engelzungen,
mit Harfen und mit Zimbeln schön.
Von zwölf Perlen sind die Tore
an deiner Stadt, wir stehn im Chore
der Engel hoch um deinen Thron.
Kein Äug hat je gespürt,
kein Ohr hat mehr gehört
solche Freude. Des jauchzen wir
und singen dir
das Halleluja für und für.

Predigt zu Gründonnerstag, 09. April 2020

Lied: Korn, das in die Erde … EG 98; Vers 1 – Vers 3

Liebe Gemeinde,

wir leben in der Passionswoche. Sie fällt in diesem Jahr mitten in die Coronaepedemie. Und ich denke, es fällt vielen von uns nicht leicht, dass wir in diesen Tagen auf Gottesdienste verzichten müssen. Wir können auch nicht gemeinsam Abendmahl feiern, gerade heute am Gründonnerstag, dem Tag, an dem wir an die Einsetzung des Abendmahls erinnert werden. Nebenbei: die Vorsilbe „Grün“ erinnert uns nicht an das neue aufkeimende Grün der Pflanzen jetzt im Frühling; es stammt von dem Wort „Grein“, das heißt traurig, betrübt sein.

Viele Mitbürgerinnen und Mitbürger fragen sich in diesen Tagen Wie lange sollen diese Beschränkungen, die wir mit viel Geduld ertragen, anhalten? Politiker, Fachleute aus der Wirtschaft werden gebeten, den Exit zu planen, den allmählichen Ausstieg aus den gegenwärtigen Maßnahmen. Wie lange noch? Ja, diese Frage wird in der Corona – Zeit in Familien, Betrieben, in Supermärkten und in Kliniken zunehmend gestellt. Niemand gibt uns darauf eine verlässliche Antwort.

In dieser Hinsicht gleicht unsere jetzige Lage der Situation des Volkes Israel in Ägypten. Wie lange noch sollen wir es hier in Ägypten aushalten? Wann endlich entlässt uns der Pharao in die lang ersehnte Freiheit? Wann finden diese schrecklichen Sklavendienste ein Ende? Und dort in Ägypten erfahren sie Quarantäne. Mose ruft die Ältesten zusammen, um ihnen zu sagen: Sie sollen dem Volk mitteilen: Niemand geht zu seiner Haustür heraus bis zum Morgen. Hören wir den Text aus dem 2. Mosebuch über die Einsetzung es Passahmahls.

Verlesen des Textes: 2. Mose 12, Vers 1 – Vers 14

Ein Schnellimbiss: Lammbraten mit Beigaben und dann geht es los. So wie sich Menschen schnell vor der Abfahrt des Zuges oder vor dem Abflug noch einen Kaffee besorgen oder eine kleine Mahlzeit zu sich nehmen bis es losgeht.

Fast – Food – Imbiss, Lamm to go. In heiliger Eile verzehren die Kinder Israel ihre Vesper. Alles muss schnell gehen. Das Brot mit Sauerteig dauert zu lange. Die Essenden sitzen auf gepackten Koffern, marschfertig. Nichts darf übrig bleiben bis zum Morgen, denn Aufgewärmtes wird es nie mehr geben. Die Fleischtöpfe Ägyptens werden nur noch Erinnerung sein. Heilige Eile. Eigentlich ungewöhnlich, denn Gott hat doch die Zeit geschaffen. Er gönnt uns Ruhe. Wenn Eile angesagt ist, dann kann das nur eine Ausnahme sein und muss besondere Gründe haben. Von den Hirten heißt es zum Beispiel in der Weihnachtsgeschichte: Sie kamen eilend. Und die Frauen am Ostermorgen gingen eilend weg vom Grabe und rannten um es den Jüngern zu erzählen, dass sie das leere Grab entdeckt haben. Die Emmausjünger springen auf und laufen noch am demselben Abend nach Jerusalem zurück. Die heilige Eile in der Passahnacht ist bereits ein Vorausblick auf Jesus selbst.

Ja wie war das als Jesus mit seinen Jüngern zusammen war, um das Passahfest zu feiern. Sie sind mit ihm durch das Land gezogen. Sie haben seine Worte gehört, seine Zeichen und Wunder gesehen. Sie haben erlebt, wie die Menschen von ihm fasziniert sind und seine Nähe suchen. Sie haben mitbekommen, dass er mächtige Feinde hat. Der eine ahnte, dass es nicht gut ausgehen wird - Petrus. Der andere wusste es, weil er ihn verraten wird - Judas. Vielleicht hoffte ein anderer, dass diesem Jesus hoffentlich nichts passieren wird. Plötzlich waren sie alle mittendrin in dieser alten Geschichte. Sie schauten ihrer eigenen Angst ins Gesicht. Wird die Bedrohung vorbeigehen? In welche Zukunft werden sie gehen? Der Raum der alten Geschichte vom Passahmahl damals öffnet sich für ihr eigenes Leben und ihre eigene Geschichte. Und dann passierte es: Jesus in ihrer Mitte nahm das Brot, dankte und brach es und gab es ihnen und sagte: Nehmt, das ist mein Leib. Und er nimmt den Kelch, dankt und gibt ihnen den und sie tranken alle daraus. Und er spricht zu ihnen. Das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden und der menschlichen Schuld. Sie essen davon und sie trinken. Gegen die Angst und gegen das Verderben. Danach ging er in den Garten um zu beten, wurde gefangen genommen und umgebracht.

Wir hören heute diese Worte, die vor jedem Abendmahl gesprochen werden aber das Mahl selbst können wir heute nicht feiern. Aber wir nehmen uns Zeit; wir sind nicht in Eile und im Aufbruch wie damals und besinnen uns jetzt in der Stille was sie uns bedeuten, was uns einfällt an Schuld, wo wir Gottes Gebote verletzt haben; wir können es zur Hilfe notieren und in der Stille vor Gott bringen und um Vergebung bitten. Dann wird uns diese Vergebung zugesprochen, heute nicht von einem Menschen sondern Jesus sagte es uns heute am Gründonnerstag direkt zu uns: Dir sind deine Sünden vergeben.

Was ist das für eine Stunde des Abschieds an diesem Abend? Jesus ist der Tischherr, aus seinen Händen empfangen die Jünger Brot und Wein. So wie ich Euch das gebe, so gebe ich mich hin hinein in den Tod. In diesem Gedenken und in diesem Gedächtnis feiern wir das Abendmahl. Jesu Vermächtnis ist keine Lehre sondern er schenkt sich uns selbst in den Zeichen von Brot und Wein. Das Abendmahl am Gründonnerstag ist etwas anderes als eine Gedenkfeier für einen Befreiungstag in der Vergangenheit. Wir sind mit einbezogen, wir bleiben keine Zuschauer. Wir sitzen am Tisch des Herrn wie die Jünger damals im Einflussbereich der Vergebung und der Liebe Jesu. Und wie einst Israel dürfen wir aufbrechen unter dem Schutz Gottes, der mächtiger ist als alle Widersacher.

Lied: Ich bin das Brot, lade euch ein… EG 587; Vers 1 – Vers 3

Ob es aber so schnell geht wie damals in Ägypten, Fast – Food – Imbiss. Lamm to go? Lamm zum Mitnehmen? Gewiss nicht.
Damals folgte auf den Gründonnerstag der Karfreitag. So wie er Brot und Kelch austeilt, so gibt er sich hin für die Menschen. Sein Tod ist totale Hingabe an uns.

Wir stellen uns in diesen Tagen die Frage: Wie lange noch werden Länder und Menschen unter dieser Epidemie leiden? Ich kann mir gut vorstellen, dass sich Jesus diese Frage auch gestellt hat: Wie lange noch? Denn für den Weg Jesu, für Gottes Weg durch den Tod hin zum neuen Leben gibt es keine Abkürzung. Er ging ihn Schritt für Schritt. Dabei wird im Garten Gethsemane und am Kreuz hörbar: auch Jesus hatte viele Fragen. Kann denn dieser Kelch nicht an mir vorüber gehen? Der Weg Jesu erinnert uns daran, dass die Bewegung Gottes in diese Welt durch das Leiden hindurch ging und geht. Es gibt keine Abkürzung, aber der Weg führt ins Leben, zur Auferweckung Jesu. In diese Bewegung Gottes sind wir auch heute eingeladen. Es geht um das „Hindurch“ und um die Einsicht: Jesus, Gott selbst ist seinen Weg konsequent für seine Menschen – für seine Welt gegangen – ohne Abkürzungen.

Wenn wir heute in diesen sicher nicht leichten Zeiten in Gottes Namen unterwegs bleiben, dann müssen wir als Bürgerinnen und Bürger in diesem Jahr Einschränkungen in Kauf nehmen. Die Passionszeit braucht ihre Zeit, damals und heute. Für mich bleibt die Mut machende Einsicht Gottes Weg mit Jesus führt ins Leben, eben hin zum Ostermorgen.

Wie lange noch? Diese Frage muss uns daher nicht lähmen. Denn Gott entscheidet sich in Jesu Weg in seinem Leiden und Sterben in seiner Auferweckung für das Leben. So bedenken wir seinen Weg und im Vertrauen zu ihm schöpfen wir Mut für unseren Weg in der Passionswoche in diesen Tagen. Amen

Lied: Eines wünsch ich mir vor allem andern … EG 546; Vers 1 – Vers 3

Fürbittengebet, Vaterunser, Nachspiel

22. März 2020 - Predigt zu Sonntag Laetare (Pfr. i. R. Bernhard Würfel)

Liebe Gemeinde,

wir leben in sehr unsicheren Zeiten. Wer hätte, als wir vor knapp drei Monaten einen fröhlichen Jahreswechsel gefeiert haben, gedacht, dass unsere Welt von einem hoch ansteckenden Virus heimgesucht wird. Er gefährdet vor allem ältere, vom Immunsystem geschwächte Menschen und infiziert weltweit ökonomische Systeme. Dieser winzig kleine Virus scheint uns jetzt in die Knie zu zwingen. Wir zollen dem notwendigen Management in Politik, in der Verwaltung und Gesundheitswesen hohen Respekt.

Christen sehen nicht nur diese wichtigen äußeren Zusammenhänge zum Erhalt unserer Gesellschaft sondern wir blicken tiefer. Wir erkennen darin ein Reden Gottes. Die Dürreperioden der vergangenen Jahre, die Klimadebatte, das Elend der Flüchtlinge, die nach Europa streben, die gegenwärtige Krankheitswelle, inmitten all dieser Geschehnisse ruft uns Gott an sein Herz. Wir treten aus vermeintlichen Sicherheiten heraus, fassen neu Vertrauen zu ihm, dass wir geheilt werden von der Blindheit der Herzen.

Daher habe ich uns für diesen Sonntag einen Text aus dem Lukasevangelium ausgewählt. In diesen Versen blickt Jesus voraus auf seinen Weg nach Jerusalem. Ich lese uns diesen Text vor. Er steht im 18. Kapitel bei Lukas, in den Versen 31 – 43: „Er nahm aber zu sich die Zwölf und sprach zu ihnen: Sehet, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von des Menschen Sohn. Denn er wird überantwortet werden den Heiden, und er wird verspottet und geschmäht und verspeit werden, und sie werden ihn geisseln und töten und am dritten Tage wird er auferstehen. Sie aber verstanden diese Worte nicht, und die Rede war ihnen verborgen, und wussten nicht, was das Gesagte war.

Es geschah aber, als er nahe an Jericho kam, saß ein Blinder am Wege und bettelte. Da er aber hörte das Volk, das vorbeiging, forschte er, was das wäre. Da verkündeten sie ihm, Jesus von Nazareth ginge vorüber. Und er rief und sprach: Jesu, du Sohn Davids, erbarme dich mein! Die aber vornean gingen, bedrohten ihn, er solle schweigen. Er aber schrie viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich mein! Jesus aber stand auf und hieß ihn zu sich führen. Da sie ihn aber nahe zu ihm brachten, fragte er ihn und sprach: Was willst du, das ich dir tun soll? Er sprach: Herr, dass ich wieder sehen möge. Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen. Und als bald sah er und folgte ihm nach und pries Gott. Und alles Volk, das solches sah, lobte Gott.“

Jesus ist bei seinem Leiden und Sterben nicht wie ein argloses Opfer seinen Verfolgern in die Falle gegangen. Es ist eine feste Entschlossenheit, die wir hier bei ihm beobachten. Er weiß, dass sein Weg in das Leiden führt, aber er weicht diesem Weg nicht aus, sondern bleibt dem Willen seines Vaters gehorsam und sieht die Stationen seines Leidensweges bis in alle Einzelheiten vor sich. Klar und deutlich zählt er seinen Jünger auf, was auf ihn zukommt. „Des Menschen Sohn wird überantwortet werden den Heiden und er wird verspottet und geschmäht und verspeit werden und sie werden ihn geißeln und töten und am dritten Tage wird er auferstehen.“ Es ist wie eine Kurzfassung des Leidensweges Jesu und seiner Auferstehung, was Jesus hier vor seinen Jüngern ausbreitet. Er sieht seinen Weg, er sieht auch das schreckliche Gefälle, das dieser Weg hat. Und trotzdem verschließt er nicht die Augen; trotzdem weicht er nicht aus. Er geht ihn, weil nach Gottes Willen nur auf diesem Weg die Versöhnung der Welt geschehen kann, also um unsertwillen. Er sieht seinen Weg ans Kreuz in großen Zusammenhängen. „Es wird alles erfüllt werden, was geschrieben ist durch die Profeten von des Menschen Sohn“. Das profetische Wort des Alten Bundes taucht auf, das Wort vom Profeten Daniel, der vom Menschensohn redet oder vom Profeten Jesaja, der von dem Gottesknecht spricht, auf dessen Rücken die ganze Schuld der Menschheit gepackt wird: „Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen: er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt“. Hören wir gut zu: Bei all dem, was in der Welt momentan passiert, will Gott uns nicht strafen; denn die Strafe liegt auf ihm, dem Gekreuzigten. Er will uns neu zu sich rufen, damit wir Gottvertrauen entdecken und unerschütterlich glauben.

Jesus sieht seinen Leidensweg im großen Zusammenhang der Heilsgeschichte, die Gott durchführt, damit die Menschen ihn, ihren Schöpfer, finden. Wenn es früher schlimme Katastrophen gab, sprachen die Menschen daher von „Heimsuchung“. Gott sucht uns heim um uns zu ihm zu ziehen. In seinem berühmten Roman „Die Pest“  schildert der französische Schriftsteller Albert Camus das Schicksal der Bewohner der Stadt Oran an der Westküste Algeriens, in der die Seuche ausgebrochen ist und er sagt: Heimsuchungen gehen tatsächlich alle Menschen gleich an, aber es ist schwer an sie zu glauben, wenn sie über einen hereinbrechen.

So fällt aus dem profetischen Wort seiner Bibel Licht auf seinen dunklen Weg. Er sieht diesen Weg als einer, der in den Heiligen Schriften des alten Israel lebt und weiß sich zugleich als der Vollender der Pläne Gottes zum Heil der Menschen. Ein Sehender sieht.

 Aber Jesus sieht nicht nur seinen eigenen Weg und die Zusammenhänge, die sich ihm auftun. Er ist nicht so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass er darüber seine Umgebung übersehen würde Und so sieht er auch die himmelschreiende Not, die da am Rande des Weges bei Jericho auf ihn wartet. Ein armer Kerl, erblindet, ausgestoßen und hilflos, auf den Bettel angewiesen, schreit nach ihm. In der großen Volksmenge könnte man einen sitzenden Bettler leicht übersehen. Aber Jesus sieht ihn, hört ihn, bleibt stehen und wendet sich diesem armen Menschen zu. Blenden wir ein auf die heutigen Geschehnisse: Lassen wir uns in dieser Krise vom Faktor „C“, Christus anstecken. Jesus sieht uns, nimmt uns wahr. Er sieht das Leiden, die Sterbenden, die Angst angesteckt zu werden, die Sorge, ob das Leben erhalten bleibt, er kennt die Sorge vor den wirtschaftlichen und finanziellen Zusammenbrüchen. Er möchte unsere Sicht auf die Krise schärfen, dass wir bei allem nüchtern bleiben, klaren Kopf bewahren, nicht in Hektik verfallen, neu wahrnehmen, wie brüchig unsere Welt und wirtschaftliche Beziehungen werden können. Er sieht die hohe Verantwortung der Ärzte und Schwestern, der Regierenden. So wie er das Elend des Bettlers wahrnimmt, so nimmt er unsere Welt in dieser Krise wahr.
Kommen wir auf den Bettler zurück: Einfach ist sein Leben nicht. Als Blinder ist er zum Betteln verdammt. Tagaus, tagein muss er sich seinen Lebensunterhalt erbetteln. Das ist demütigend und mühsam, aber gerade heute hat er Hochkonjunktur. Festpilger aus dem Norden sind auf dem Weg zum Passahfest nach Jerusalem. Heute sind es besonders viele: „Was ist los?“ So fragt er. „Jesus aus Nazareth kommt vorbei“, sagen ihm die Leute. Aber was ist das Besondere daran? Jesus heißen damals viele Leute und Nazareth ist irgendein Dorf in Galiäa. Aber unser Blinder ist trotzdem wie elektrisiert. Er beginnt laut zu rufen: „Jesus, Sohn Davids erbarme dich meiner!“ Was soll das heißen Und: Woher weiß er das?

Wenn Jesus als „Sohn Davids“ angerufen wird, dann ist er nicht nur irgendein Nachkomme des großen Königs Israels, sondern der eine, auf den alle hoffen. Der neue König, den Gott schon vor lange Zeit durch seine Profeten angekündigt hat, eine Lichtgestalt Gottes zur Rettung seines Volkes. So hat es auch Jesus öffentlich gesagt als Erfüllung von Gottes Verheißung: „Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat zu verkündigen das Evangelium den Armen; er hat mich gesandt zu den Gefangenen, dass sie frei sein sollen und den Blinden dass sie sehen sollen, und den Zerschlagenen dass sie frei und ledig sein sollen“. Irgendwie muss der Blinde von Jericho von dieser Botschaft gehört haben. Jetzt kommt dieser Jesus bei ihm vorbei. Das ist seine Chance; denn er ist ja blind; er gehört zu den Armen, zu denen, die sich täglich fragen, ob Gott sie wohl vergessen hat. „Du Sohn Davids erbarme ich meiner“! Mit diesem Schrei wird deutlich, was zum Glauben gehört. Der Bettler weiß um seine eigene Hilflosigkeit, aber er wendet sich voller Vertrauen an den, der helfen kann, an Jesus. Nichts, niemand soll ihn davon abhalten, sich Jesus anzuvertrauen. Er ist äußerlich blind, aber innerlich sehend. Er sieht, wer Jesus ist; er begreift, dass er ganz auf Jesu Hilfe angewiesen ist. Löst diese Krise nicht einen Hilfeschrei in uns zu Gott aus? Auch wenn das viele Menschen heute so nicht sehen mögen? Aber unsere Gesellschaft braucht diesen Hilfeschrei zu Gott; Hilferufe, Hilfeschreie an Gott  sind nötig in diesen Tagen. Wir sind dazu geschaffen Krisen zu meistern. Der Glaube hilft uns dabei ungemein, macht gelassen, wirkt krisenresistent. Das ist unsere Chance in der Krise. Den unerschütterlichen Glauben unserer Väter und Mütter wieder neu zu entdecken. Daraus erwächst uns die Kraft, nicht vor dem Virus zu erstarren, sondern ihn zu besiegen. Hoffentlich gehen uns da die Augen auf und wir bleiben nicht blind.

Und Jesus? Er erbarmt sich grenzenlos. Er bleibt stehen; er sieht die Not des Blinden und macht sich ihm zum Diener, diesem Blinden, diesem Verlassenen: „Was willst du, das ich dir tun soll“? Verrückt! Äußerlich blind, aber die Augen des Glaubens sehen in diesem Wanderprediger aus Nazareth den Sohn Davids, den von Gott versprochenen königlichen Herrscher – und der wird zum Diener eines blinden Bettlers am Straßenrand. Und das Wunderbare geschieht: Dieser Jesus heilt nun die menschlich unheilbare Krankheit: „Sei sehend“! Diesem Jesus stehen die Kräfte der Schöpfung zur Verfügung. Ja, der Blinde wird auch äußerlich sehend. Dazu passt es gut, dass der Blinde ihn vorher „Herr“ nennt. Das ist mehr als nur eine Höflichkeitsfloskel. Auf diesem Jesus ruht nicht nur der Geist des Herrn, sondern er ist der Herr selbst. Ob der Blinde das alles durchschaut hat, weiß ich nicht: Aber er hat den richtigen Ton getroffen. Er war innerlich sehend und er ist äußerlich sehend geworden.

Aber was geschieht nun mit den Jüngern? Jesus ist mit ihnen unterwegs nach Jerusalem. „Er nahm zu sich die Zwölf“. Das sind die Männer, die ihn auf seinem Erdenweg begleitet haben, die ihm am allernächsten waren. Sie hatten seine Taten gesehen, seine Worte gehört; sie waren Zeuge gewesen, wie er sich als der Sohn Gottes vor dem Volk ausgewiesen hat. Jesus will ihnen den Weg erklären, den er gehen muss, den Weg in das Leiden und in den Tod. Er will sie bei sich haben in seinen schweren Stunden. Darum gibt er ihnen Aufschluss über das, was ihnen bevorsteht. Er sagt: „Sehet, wir gehen …“, nicht: „Ich gehe“. Und hier beginnt das Versagen der Jünger. Sie sind blind. Zwölf Männer, die eigentlich sehen müssten sind blind, eine Ungeheuerlichkeit. In dreifacher Umschreibung heißt es von ihnen: Sie verstanden keines der Worte und die Rede war ihnen verborgen und sie wussten nicht was das Gesagte war. Mit sehenden Augen sehen sie nichts. Ihre Augen sind blind für das Leiden Jesu. Sie können es nicht fassen und verstehen, dass Jesus den Kreuzesweg betreten hat, den Weg in den Tod und dass sie ihn dabei begleiten sollen. Sie sind zu sehr mit sich selbst beschäftigt auf sich ausgerichtet. Dreimal hat Jesus seinen Leidensweg vorausgesagt. Dreimal haben sie ihn nicht verstanden. Sie die äußerlich Sehenden sind blind,  blind für das Leiden Jesu und den leidenden Bettler am Wege, blind für das Leiden in der Welt. So wenig sie Verständnis hatten für die Passion Jesu, so wenig hatten sie Verständnis für das Leiden des blinden Bettlers. Vielleicht gehörten sie sogar zu denen, die den Blinden beschwichtigen wollten und ihm den Weg zu Jesus versperrten. Das hängt immer ganz eng miteinander zusammen. Wer kein Verständnis hat für das Leiden Jesu, findet nur schwer Verständnis für das Leiden der Menschen. Denn den Weg, den Kreuzesweg Jesu verstehen, heißt ja, ihn selber gehen, sein Kreuz auf sich zu nehmen. Die Jünger sind mit Jesus gezogen aber jetzt begreifen sie nichts, gar nichts. Vielleicht passt Jesus nicht in ihren Erwartungshorizont. Einen Messias, der heilt, Brot vermehrt, die Stürme stillt und den Reichen die Ohren lang zieht, dem folgen sie gerne. Aber ein Messias, der leidet und stirbt gar noch im Auftrag Gottes und freiwillig. Das ist ein Skandal!

Blenden wir das gegenwärtige Geschehen ein: Sicher braucht es Zeit, das, was jetzt passiert, geistlich zu deuten, vom Glauben her sehen zu lernen. Was will Gott uns damit sagen? Vielleicht sind wir da auch noch blind und sehen es nicht als Zeichen Gottes. Aber wir dürfen uns von ihm Einsicht schenken lassen, ihn bitten, dass er uns leitet und führt und darüber auch anderen erzählen und so die Macht Gottes bezeugen. Da wollen wir helfen, dass Menschen neu über Gott nachdenken und wir ihnen nicht im Wege stehen wie die Jünger als der Bettler zu Jesus gehen wollte. Wie vielen Menschen sind wir schon – vielleicht ganz unbewusst im Wege gestanden, als sie zu Jesus wollten. Wie können wir Menschen mit unserem Zeugnis von Gott Mut zum Leben und zum  Glauben machen? Vielleicht werden Menschen durch diese Krise ganz offen in ihrem Fragen nach Gott. Aber zunächst ist es so: Zwölf Sehende sind blind.

Die Heilung des Blinden ist so etwas wie die Identitätskarte Jesu. Ja, ich bin der versprochene Retter. Mit mir beginnt die Heilung der zerrissenen Welt. Mein Erbarmen gilt allen Menschen nicht nur diesem einen, allen, auch uns, die wir in der Krise heimgesucht werden. Jesus geht den Weg ans Kreuz um die Welt mit sich versöhnen. Und auf Karfreitag folgte Ostern, die Auferweckung Jesu vom Tode. Das ist unsere Hoffnung für die Welt mit ihren Krisen.

Kommen wir noch einmal auf den blinden Bettler zurück. Wir können sagen: Dieser Blinder wird sehend. Er war einer von den Ausgestoßenen, für die niemand etwas übrig hatte, der am Rande der Gesellschaft auch der frommen Gesellschaft lebt. Wir wissen nicht, wie der Blinde dazu kam zu Jesus zu rufen und wer ihm diesen Glauben ins Herz gegeben hat. Wir können nicht genug staunen, dass hier der Glaube entstehen kann an den Rändern der christlichen Gemeinde und der Gesellschaft bei Menschen, bei denen man es nie vermuten würde, bei Ausgestoßenen und Verachteten, Randsiedlern. Da muss ich Euch ein Beispiel erzählen: Bei einem Kollegen von mir in einer Gemeinde am Kaiserstuhl musste die Pfarrhausfassade neu gestrichen werden. Der mit der Durchführung beauftragte Malermeister meinte im Gespräch mit dem Gemeindepfarrer: Da gehört doch ein passender Spruch hin! Der Gemeindepfarrer war überrascht, denn der Malermeister hatte als Gemeindeglied einmal freundschaftlich zu ihm gesagt: Er besuche den Gottesdienst nur, wenn er mit dem Musikverein im Gottesdienst bei Beerdigungen oder am Volkstrauertag Trompete blase. Denn außer seinem Beruf kenne er nur Trompete blasen und Saufen. Seinem Wunsch entsprechend gab ihm der Gemeindepfarrer ein Päckchen mit passenden Spruchkarten verbunden mit der Bitte, er möge völlig frei eine seiner Meinung nach passende Karte auswählen. Nach kurzer Zeit erschien er erneut und präsentierte die Spruchkarte mit der Bemerkung: Zu diesem Spruch stehe er uneingeschränkt. Wissen Sie wie der Spruch heißt? Sie werden staunen. Ich lese ihn vor; er passt wunderbar zur jetzigen Situation: Jeder Mensch, auch der geringste ist so in Gottes Hand, als wäre er Gottes einzige Sorge. Der Pfarrer widersprach nicht, der Malermeister waltete seines Amtes und brachte diesen Spruch an. Ich würde sagen: am Rande der christlichen Gemeinde aber nicht weit entfernt vom Reich Gottes. Vielleicht wuchs in diesem Malermeister das Vertrauen zu Gott, als er den Spruch anbrachte. Wir sehen oft nur das Äußere aber sehen wir, was im Herzen dieses Malermeisters passierte oder vielleicht noch passieren wird. Vielleicht wird aus dem Malermeister noch ein Christus Sehender.

Denn dieser Blinde, den Jesus geheilt hat, ist in Wahrheit der Sehende, weil er der Glaubende geworden ist. Das ist das Wunder des göttlichen Wortes und Wirkens, dass es Menschen erreicht und trifft, von denen wir es nie gedacht hätten, die nichts mitbringen. Bei diesem Blinden kam es nun zum äußeren und zum inneren Sehen. Er wurde nicht nur sehend, er folgte auch Jesus nach und lobte Gott für das, was an ihm geschehen war. Ihm gingen nicht nur die Augen auf sondern auch das Herz. Fassen wir die Geschichte nochmals zusammen: Jesus sieht seinen Weg, den Weg ans Kreuz. Zwölf Sehende, seine engsten Jünger,  sind blind. Ein Blinder wird in doppelter Weise sehend. Was nehmen wir mit?
Wir bekennen: Jesus ist alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden. Christen sehen diese Krise mit anderen Augen ohne sie zu beschönigen. Jesus hat mein Leben und diese Welt in seiner Hand. Dafür möge er uns neu die Augen öffnen und Zuversicht und Hoffnung schenken. Wir sehen das Leid und die Sorgen der Menschen: Was wird auf uns zukommen? Und wir sind offen für die Fragen der Menschen. Vielleicht denken manche neu nach über ihr Verhältnis zu Gott. Wir wollen ihnen helfen sehend zu werden für Jesus. Der Glaube hilft in der jetzigen Situation ungemein, schenkt innere Ruhe, Gelassenheit, wirkt krisenresistent, unsere Chance in der Krise, den Glauben unserer Väter und Mütter wieder neu zu entdecken, den Weg zeigen zu Jesus Christus, dem Herrn der Welt.

Amen